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Humusaufbau im Gemüsegarten

Von 1. April 2020April 6th, 20204 Kommentare
Humusaufbau im Gemüsegarten

In einem etwas grundsätzlicheren Beitrag zur Frage, ob Gartenbau und Landwirtschaft ohne Tiere, also vegan machbar sein, hatte ich diese Frage bereits bejaht. Hier soll es nun darum gehen, wie wir das in unserer Gärtnerei konkret machen.

Gemeinhin gilt es als unmöglich, in einer Gemüsegärtnerei Humusaufbau zu betreiben – die Erde wird hier gewöhnlich einfach zu oft gewendet. Das bringt Sauerstoff in den Boden, das stört das Bodenleben und beides hat letztlich einen rapiden Humusverlust zur Folge, der mit einem massiven Abbau der Bodenfruchtbarkeit einher ginge, würde man nicht jedes Jahr (mehrfach) Kompost verteilen oder andere organische Düngemittel einsetzen.

Viele der gerade hochmodernen Market-Gardening-Projekte arbeiten so. Sie kaufen Kompost in Größenordnungen ein. Auch ich habe das gemacht und zum Start war dies vielleicht sogar ne gute Idee.

Wenn man aber etwas Zeit hat, geht das auch anders. Vor allem preiswerter und ohne großen Massentransport / Technikeinsatz etc…

Über das Was und Wie werde ich demnächst auch auf meinem Youtube-Kanal berichten.

Grundüberlegungen zum Humusaufbau

Was sind die humusreichsten Böden der Erde? Viele werden an den Wald denken. Doch das ist ein Irrtum. Selbst der so fruchtbare Regenwald hat nahezu keinen Dauerhumus zu seinen Füßen. Die stärksten Humusauflagen gibt es auf Moorböden, die man tunlichst nicht nutzen sollte und in den großen Graslandschaften bzw. deren Überbleibseln. Die Prärien Nordamerikas, Savannen Afrikas, die Schwarzerdeböden der Goldenen Aue im Vorharzgebiet sind oder waren große Graslandschaften in denen teils riesige Herden von wiederkäuenden Großvieh unterwegs waren. Dies taten sie nicht chaotisch kreuz und quer sondern eben in Herden, Kopf an Kopf und in ständiger Bewegung. Bis das selbe Stück Erde wieder beweidet wurde, konnte das Gras gut nachwachsen.

Das frisch beweidete Gras ließ einen Teil seiner Wurzeln absterben und gleichzeitig wurde es durch den Kot der Tiere gedüngt bzw. es wurde die Erdoberfläche mit Mikroorganismen versorgt. Der Mist wird unter den Hufen schön in den Boden eingeknetet. So gepusht konnte sich das Gras rasch erholen und der Kreislauf begann erneut.

Unter diesen Bedingungen bauten sich im Laufe der Zeit meterstarke Humusschichten auf.

Was sind die wesentlichen Aussagen dieser Geschichte?

  • der Boden war immer bewachsen, nie war er kahl
  • Gräser spielen offensichtlich eine große Rolle im System
  • Wiederkäuer impften den Boden mit Mikroorganismen
  • der Boden wurde nie mit Mineraldüngern “versorgt”
  • überhaupt werden kaum Nährstoffe von außerhalb ins “System” geholt – wenn man mal von Stäuben absieht, die sich überall niederlegen.

Humusaufbau im Gemüsebeet

Wenn es uns gelingt, dieses Savannenprinzip in den Garten zu holen, können wir dort vielleicht auch Humusaufbau betreiben.

Das galt lange als unmöglich. Es gibt aber eine gar nicht mehr so kleine Gruppe von LandwirtInnen und GärtnerInnen, die genau dies unter dem Namen “Regenerative Landwirtschaft” erfolgreich betreiben. Einer der großen Lehrmeister auf diesem Gebiet ist Dietmar Näser mit seinem Beratungsunternehmen Grüne Brücke. Dort bin auch ich in die Lehre gegangen.

Natürlich setzen wir in unserer Gärtnerei keine Bisons ein. Und die Graslandschaft gibt es auch nur temporär – als Gründüngungsmischung. Aber schon das ist eine enorme Veränderung im Vergleich zu meiner Praxis in den Vorjahren.

Ich säe also je nach Jahreszeit immer wieder Gründüngungsmischungen auf die Flächen ein, die abgeerntet sind und länger als 2 Wochen brach liegen würden. Diese Mischungen sind sehr vielfältig zusammengesetzt. Denn wenn sie das Bodenleben ernähren sollen, ist Vielfalt die Voraussetzung für eine vollwertige Ernährung – genau wie bei uns Menschen. 😉

Wie aber ersetze ich das Großvieh. bzw. deren Wiederkäuermagen? Und was sollen überhaupt die ganzen Gräser? Andere Pflanzen haben doch auch viele Wurzeln die absterben, wenn ich die Pflanzen umbreche…

Gräser im Humusaufbau

Die verwendeten Gräser gehören zur Pflanzenfamilie der Süßgräser. Die heißen so, weil sie über ihre Wurzeln Kohlenhydrate (Zucker) in den Boden abgeben. Diese Kohlenhydrate haben sie vorher in ihren Blättern gebildet und im Boden versorgen sie die Mikroorganismen mit Energie. In enger Wechselwirkung von Boden und Pflanze entstehen so die ersten Huminstoffe. Ohne sie gibt es keinen Humusaufbau.

Nicht nur Gräser geben Stoffe in den Boden, das machen auch alle anderen Pflanzen. Diese sogenannten Wurzelexudate haben alle einen eigenen Einfluss auf die Bodenorganismen und auf die Nachbarpflanzen. Und da wir davon ausgehen, dass eine optimale Ernährung vielfältig ist, setzen wir auch unsere Saatgutmischungen immer sehr vielfältig zusammen. Übliche Monokulturen verarmen den Boden – auch dann, wenn sie als Bienefreund, Gelbsenf oder Erbsen genau unter dem Namen “Gründünger” verkauft werden….

Die geeigneten Mischungen gibt es im Moment nur in Großpackungen ab 25Kilo zu kaufen. Wir bieten sie in unserem Shop auch für kleinere Gärten an.

Wiederkäuer und Pflanzenfermente

Das Gras selbst ist sehr faserig und seine Inhaltsstoffe wären für uns Menschen nur schwer erschließbar. Uns fehlt ein Magen, den die Wiederkäuer gebildet haben – den sogenannten Pansen. Hier wird das gefressene und wiedergekäute Gras mit Mikroorganismen geimpft, die dann aus dem Gras die Stoffe so verfügbar machen, dass es der Körper verwerten kann.

Der Pansen ist also so eine Art Brutkasten für Mikroorganismen. Diese gelangen dann über die Kacke in den Boden.

Wir bauen den Pansen in unserer Fermentemanufaktur nach. Das Sauerkrautprinzip funktioniert nämlich ganz ähnlich. Aus Wildkräutern, Melasse und Wasser brauen wir unser eigenes Pflanzenferment. Dabei nehmen wir genau die Wildkräuter, die wir als “Unkraut” im Garten haben und ergänzen diese um so viele unterschiedliche Wildkräuter und auch Gehölztriebe, wie wir nur finden können. Auch hier wieder: Prinzip Vielfalt… Natürlich könnte ich auch mit EM arbeiten, das ist mit Sicherheit auch gut. Aber ich brauche das nicht und habe dazu ohnehin ne eigene Meinung.

Zusammenfassung

Frisch umgebrochene Erde wird bei mir mit einer Mischung aus Kreide, Tonmehl und Gesteinsmehl gut bestäubt. Dann trage ich auf die Fläche Komposterde auf – oder das was aus meinem “Komposthaufen” so kommt. Dann wird eine Gründüngungsmischung eingesät. Diese lasse ich stehen, bis sie anfangen will zu blühen (sie ist dann ca. kniehoch).

Dann wird sie mit Pflanzenfermenten satt eingesprüht und abgemäht – möglichst mit einem Mäher, der das alles auch noch häckselt. Diese Pflanzenmasse darf nicht austrocknen. Sie gehört so schnell es geht eingearbeitet – aber nur ganz flach.

Denkt immer an die Tiere in der Savanne…

 

 

Olaf Schnelle

Olaf Schnelle

Ich bin Gärtner. Für mich hätte es keinen besseren Beruf geben können. So eng mit der Natur zu arbeiten und dabei sinnvoll Produktives zu tun, ist ein richtig schönes Ding. Nahrungsmittel zu schaffen, die diesen Namen im wörtlichen Sinne verdienen, ist ein essentieller Prozeß. Mein Anliegen ist, dies so zu tun, dass kreative Köche damit etwas schaffen, das für mich viel mit Kunst zu tun hat.

4 Kommentare

  • Avatar andrea.itzehoe sagt:

    Kann ich die Pflanzenfermente auch bei euch bekommen? Ich möchten auch mit dem Dauerhumusaufbau in meinem kleinen Gemüsegarten beginnen.

    • Hallo Andrea, nein, diese Fermente habe ich nicht im Angebot und ich finde es sogar sinnvoll, wenn jeder Garten sein eigenes Ferment bekommt – also zusammengesetzt aus den Kräutern, die im Garten selbst wachsen.
      Aber man kann sowas auch kaufen. Schau dich mal in der EM-Welt um.
      Oder frag mal im Stralsunder Handelskontor nach “Terra Bio Power“.
      Das ist ein Produkt, das ich selbst getestet habe. Es ist gut geeignet.

  • Avatar Renata sagt:

    Hallo,
    ich habe heute den Beitrag in der NDR Nordtour gesehen und mich über Ihr Gärtnern sehr gefreut. Ich habe gute Anregungen bekommen.
    Mein Garten (Bio-Privatgarten) ist zT eine “Unkrautlandschaft”, da ich Rückenschmerz-bedingt nicht mehr so viel darin arbeiten kann. Da wächst auch etliche Quecke. Soweit ich weiß gehört sie auch zu den Süßgräsern (sie schmeckt zumindest sehr süß). Ich mähe das Gras ab und es wird grob beim Mähen gehäckselt. Ich lasse es immer liegen und mähe also dann, wenn die Sonne das Gras schnell trocknet, da es ansonsten zu einem dichten “Brei” wird, der lange so liegt. Für mich gilt schon immer, daß man das Gras nie forttragen sollte (wie es alle Nachbarn tun), denn meines Erachtens ist das ja Dünger. Es zu entfernen ist für mich Düngerentzug, den Boden verarmen lassen. Auch unter den Bäumen bleiben bei mir im Herbst die Blätter liegen, die genauso Dünger sind. Im Frühjahr ist davon nichts mehr zu sehen. Allerdings habe ich das Ganze nie eingearbeitet, was den Prozess natürlich sehr intensiviert. Also zurück zum Süßgras: Sie nutzen Süßgräser – wäre das also nicht auch mit meiner Quecke möglich ? Gut ich weiß, sie ist ein recht invasives Gras, aber ich habe es nun mal und will das Beste draus machen. Es wachsen ja noch etliche andere Gräser zusammen mit der Quecke. Steinmehl verwende ich in meinem Garten, aber ich habe es nie auf das gemähte Gras gestreut. Allerdings bräuchte ich da ja ganz schön viel vom Steinmehl. Ich nutze es eher in meinen Dünge-Pflanzenjauchen (Brennessel und Beinwell). Eigentlich will ich das auch genauso weiter machen. Es geht ja vermutlich für private Zwecke auch ohne Steinmehl über dem gehäckselten Gras, es dauert halt etwas länger mit der Düngung. Außerdem liegt die größte Fläche ja meist brach.
    Gefallen hat mir auch Ihre Motor-“Egge” und auf einem der Fotos habe ich eine Hand-Eggenrolle (so nenne ich es mal) gesehen. Wo kann man denn Letztere bekommen ?
    Da ich in MV wohne (Landkreis MSE) – bieten Sie auch Besichtigungstouren, Verköstigungen, Kurse und Ähnliches ?

    Super Initiative und wundervoll, die Erde so naturnah, kreativ und “Geschmack”-voll zu bearbeiten und ihre Schätze zu nutzen !
    Liebe Grüße
    Renata

    • Liebe Renata, danke für deinen Kommentar!
      Nur ganz kurz: das Gesteinsmehl dient der Zufuhr von Mikronährstoffen und Kalk.
      Jauchen setze ich gar nicht an. Deren Sinn verstehe ich nicht. Ich bereite mir aus Wildkräutern zusammen mit etwas Melasse fermentierte Säfte zu. Die duften und führen dem Boden genau die Mikroorganismen zu, die auch im Kuhmist enthalten sind. Sie dienen also der Belebung der Mikroorganismen. Das geht wiederum nicht ohne Kohlenstoff im Boden, schließlich sollen die frisch zugesetzen Mikroben aus dem Pflanzenferment ja nicht gleich verhungern – darum die Süßgräser. Die Quecke ist grundsätzlich auch ein Süßgras. Sie will ich aber aus naheliegenden Gründen nicht im Gemüsebeet haben – wo anders stört sie mich nicht. Aber die Süßgräser, die ich in der Gründüngung habe übernehmen sozusagen die Funktion der Quecke im Gemüsebeet. Sie wird überflüssig und verschwindet in wenigen Jahren quasi von alleine.

      Das Gerät was ich neben dem Schlägelmäher zur Bodenbearbeitung einsetze ist eine Umkehrfräse. Und das auf dem Foto ist ein Sägerät aus USA. Damit kann ich sehr enge und sehr präzise Aussaaten machen. Such mal nach “Six-Row-Seeder”.

      Ciao für now
      Olaf

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