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Landwirtschaft und Veganismus

Von 16. Oktober 2019 Keine Kommentare
Landwirtschaft und Veganismus 1

Kreisläufe

Lange habe ich mich gefragt, wie das mit den Stoffkreisläufen ist in der Landwirtschaft. Immer wieder wird von geschlossenen Kreisläufen als wünschenswerte Form der Landwirtschaft geschwärmt. Die Natur als Vorbild wird dabei aufgeführt. Dort sei auch alles geschlossen.

Vielleicht ist das auch so – in großem Maßstab, global gesehen bzw. in riesigen geografischen Zusammenhängen gedacht. Aber auf einer Farm? In einer Gärtnerei?

Vielleicht bekommt man solch einen Kreislauf ja in einem Selbstversorgungssystem ja noch hin. Aber was ist, wenn der Gärtner oder die Landwirtin anfängt, ihre Nahrungsmittel zu verkaufen? Wie kommen die darin gespeicherten und mit den Verkauf exportierten Materialien zurück? Hier hört der Kreislauf ganz schnell auf. Die allermeisten Betriebe greifen dann auf Importe zurück. Düngemittel organischer oder mineralischer Natur werden gekauft. Oftmals verbunden mit großen Tonnagen und weiten Transporten. Es ist ein Dilemma, dass sich durch die Spezialisierung der Landwirtschaft noch mehr verstärkt. Tierhaltung und Pflanzenproduktion finden nur noch selten auf dem selben Hof statt. Es gibt Regionen in Deutschland und der Welt, die sind zum Pflanzenanbau auf riesigen Flächen spezialisiert und andere betreiben ausschließlich Massentierhaltung. Beides oft räumlich weit von einander entfernt. Gülle wird in die eine Richtung gefahren. Tierfutter in die andere. Ein Irrsinn!

Vegane Landwirtschaft

Lange Zeit war ich der Meinung, dass es vegane Landwirtschaft oder gar veganen Gartenbau nicht geben kann. Alle diesbezüglichen Ansätze scheitern früher oder später an Nährstoffmangel wenn nicht massiv vegane Düngemittel in den Betrieb importiert werden. Das war meine Meinung Nummer eins.

Wenn nicht an Nährstoffmangel, dann scheitern solche Ansätze an Bodenermüdung, weil das Bodenleben zurück gehen wird. Das war meine Meinung Nummer zwei. Schließlich fehlt es im veganen Betrieb an Wiederkäuern, die über ihren Dung organisches Material und vor allem Mikroorganismen in den Boden eintragen.

In jedem Fall, so Meinung Nummer drei, wird der Flächenertrag um mindestens ein Drittel zurück gehen, da im veganen Gartenbau der Einbau einer Gründüngungsbrache auf mindestens einem Drittel der Fläche unumgänglich ist. Irgendwie muss der Nährstoffentzug ja ausgeglichen werden. Und mit dieser Brache gelingt das – abhängig von vielen Faktoren – leider meist schlecht als recht.

Trotzdem weiß ich heute, dass veganer Gartenbau und auch vegane Landwirtschaft möglich ist. Und ich lehne mich so weit raus zu sagen, dass deren Ertragspotential und die Ertragssicherheit mindestens genauso groß ist, wie das der ertragstärksten konventionellen Landwirtschaftsbetriebe. Und dies sogar ohne die erwähnten riesigen Massentransporte durch zugekaufte Düngemittel.

Wie soll das gehen? Die besten Betriebe machen dies bereits vor. Ich bin mir nicht mal sicher, ob sie sich selbst als vegan arbeitend erkennen würden. Es gibt darunter Demeter-Betriebe und es gibt konventionell wirtschaftende. Ihnen gemein sind die Prinzipien der regenerativen Landwirtschaft. Dazu schreibe ich später mal eingehender etwas.

Regenerative Landwirtschaft

Nur kurz zusammengefasst, was sich dahinter verbirgt: Die so arbeitenden Betriebe, zu denen ich meinen seit dem Frühjahr 2019 auch zähle, betreiben Humusaufbau im laufenden Betrieb. Sie legen also keine Komposthaufen an oder kaufen ihn gar zu um ihn auf dem Land zu verteilen. Dies wäre durchaus eine Form des Humusaufbaus aber ein sehr aufwendiger. Wir versuchen das anders. Direkt auf der Fläche. Im Wesentlichen dadurch, dass wir den Boden möglichst IMMER bewachsen oder bedeckt halten. An der Wurzel der wachsenden Pflanze und ganz besonders an der Wurzel wachsender Süßgräser (alle Getreidearten zählen dazu) finden die wichtigsten humusaufbauenden Prozesse statt. Dies gelingt am besten in einer reichhaltigen Mischkultur. Darum wachsen auf unseren Flächen die Kulturpflanzen wo immer es geht im Gemenge mit andere Pflanzen. Und deswegen säen wir unsere abgeernteten Flächen auch sofort wieder mit einer möglichst reichhaltig zusammengesetzten Gründüngungsmischung wieder ein. Darin sind immer Süßgräser enthalten und viele andere Pflanzen unterschiedlichster Gattungen. Zum Glück gibt es Vordenker, die für uns diese hochgradig intelligente Mischungen schon zusammengestellt haben.

Grob gesagt, akkumulieren diese Mischungen aus der Atmosphäre in großen Mengen Kohlenstoff (CO2) und Stickstoff im Boden. Über ihre Wurzelausscheidungen und die Aktivität der Mikroorganismen im Wurzelbereich werden die anderen Nährstoffe (P, K, Ca, Spurenelemente) pflanzenverfügbar aufgeschlossen. Wir Gärtner müssen nur dafür sorgen, dass wir das Millieu im Boden so beeinflussen, dass diese Nährstoffe im richtigen Verhältnis zueinander zur Verfügung gestellt werden, dass also die Mikroorganismen des Bodens reichhaltig, vielfältig und aktiv sind.

Dazu wird der Boden anfangs möglicherweise tief gelockert (nicht gewendet!), dazu werden am Anfang stärker, später weniger gezielt die Nährstoffe zugeführt, die bei einer speziellen Bodenanalyse als im Mangel befindlich analysiert worden sind. Dies nie als künstlich erzeugtes Düngemittel sondern eben mittels spezieller natürlich vorkommender Kalke oder Tonmineralien und nie in die Kultur direkt sondern immer in die Gründüngung rein – sozusagen zur Vorverdauung.

Und wir beleben den Boden mittels Pflanzenfermenten, was im Prinzip nichts anderes ist als ein spezieller Sauerkrautsaft, den wir uns aus Pflanzen herstellen, die in unseren eigenen Betrieben wachsen. Auf die Art holen wir uns die Mikroorganisemen in den Boden, die sonst die oben erwähnten Wiederkäuer in ihrem Pansen produziere und dann auskacken.

Es gibt noch ein paar andere Kniffs, wie die Herstellung von Komposttees und das Mulchen. Dazu aber später mehr.

Der Effekt dieser Art der Landbewirtschaftung ist unmittelbar im ersten Jahr spürbar. Der Boden wird dunkel, lebendig und er duftet nach Wald. Diese Humusbildung macht ihn fruchtbar und widerstandsfähig gegen die Extreme der Witterung. Die Erträge steigen, die Pflanzen werden weniger anfällig gegenüber Krankheiten und Schädlingen und sie schmecken besser.

Und nicht zuletzt: im Boden wird das Klimagas CO2 in Form von Humus gebunden – ich schier unvorstellbarer Menge.

Dies alles zeigt: veganer Gartenbau ist möglich. Veganer Landbau auch.

Veganismus ist NICHT die Lösung

Bisher habe ich über vegane Lösungen auf betrieblicher Ebene gesprochen. Sie sind sinnvoll und anstrebenswert. Aber diese Methode rettet nicht die Welt.

Wir sind uns wahrscheinlich alle einig, dass die gegenwärtige Landwirtschaft global gesehen völlig irrsinnig organisiert ist. Die Bundesrepublik hat nach dem Krieg beschlossen, dass die heimische Landwirtschaft subventioniert werden muss, damit sich Deutschland wieder selbst mit Lebensmitteln versorgen kann. Und damit sich alle diese Lebensmittel leisten können, denn sie waren anfangs sehr teuer. Nicht zuletzt sollten die Landwirte auch ein ausreichendes Einkommen erzielen.

Dieses System ist völlig aus dem Ruder gelaufen. Die Subventionierung führte zu einer Industrialisierung der Landwirtschaft. Dies machte die Lebensmittel billig, führte erst zu Butterbergen und anderen Überschüssen, die dann billig auf den Weltmarkt gebracht wurden und in entfernten Gebieten die dortigen bäuerlichen Existenzen auslöschte weil sie mit den billigen Importen nicht konkurrieren konnten. Unsere subventionierten Lebensmittel zerstören Existenzen.

Letztlich führen diese Subenvtionen dazu, dass der Regenwald gerodet wurde und wird, weil man in den Tropen viel billiger eiweißreiche Futtermittel anbauen kann, als in Deutschland. Diese Futtermittel werden dann in den Massenställen zu billigem und antibiotikaverseuchtem Fleisch verwandelt. Wir erreichen also mit teuren Subventionen folgendes: die Zerstörung des (klimawichtigen) Regenwaldes zugunsten von minderwertigem Fleisch, welches uns nicht selten krank macht. Die Schlachtabfälle werden dann wieder exportiert und zerstören noch mehr Bauern am anderen Ende der Welt.

Was soll das anderes sein als Irrsinn?

Landwirtschaft und Veganismus 2

Die Nutzung der globalen Landmasse.
Quelle: Umweltbundesamt “Globale Landflächen und Biomasse”

Trotzdem soll der Veganismus nicht die Lösung sein? Nein, ist er nicht. Zwar würde möglicherweise der Raubbau am Regenwald gestoppt oder gemindert. Aber es gibt mehr als den Regenwald auf der Welt. Knapp 38% der Landfläche der Welt ist landwirtschaftlich nutzbar. Davon sind wiederum nur knapp 30% ackerbaulich zu bewirtscgaften. Die restlichen 70% sind nur mittels Beweidung nutzbar.

Es ist völlig wahnsinnig, dass diese 30% ackerbaulich nutzbarer Fläche nicht komplett und direkt der menschlichen Ernährung dienen. Aber trotzdem werden selbst diese 30% werden nochmals zu 70% der Futtermittelerzeugung in Dienst gestellt.

An diesen Zahlen wird deutlich, wie hoch das Potential veganer Ernährung mit Blick auf die Welternährung wäre.

Doch wie gesagt: 70% der landwirtschaftlichen Nutzfläche ist nicht ackerbaulich nutzbar sondern nur über Beweidung. Diese riesigen Flächen laut veganer Doktrin nicht zu nutzen wäre eben auch Irrsinn. Undzwar in mindestens doppelter Hinsicht. Der Menschheit gingen 70% der für die Nahrungserzeugung nutzbaren Fläche verloren, wenn man zum Beispiel alles mit Wald bepflanze würde. Das mag sogar aus dem Klimablickwinkel erst mal logisch erscheinen.  Ist es aber nicht.

Weide als Klimaretter

Denn das Potential von Graslandschaften als CO2-Speicher ist dem CO2-Speierungspotzential von Wäldern deutlich überlegen, was weithin nicht bekannt ist. Die Wälder speichern CO2 vor allem in der Pflanzenmasse. Graslandschaften aber bauen meterdicke Humusböden auf. Deren CO2-Bindung ist schier endlos groß. Jedes Prozent Humus, jeder Millimeter Schwarzerdeboden bindet riesige Mengen dieses Klimagases.

Unter den Steppen, Savannen und Prärien dieser Welt wurde und wird in meterdicken Humushorizonten dauerhaft Kohlendioxid gebunden.

Durch das Beackern dieser Böden wurde und wird der Humus wieder abgebaut. Dabei ist allein durch die Bauern in Nordamerika soviel CO2 wieder frei gesetzt worden wie durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe seit Beginn der Industrialisierung.

Das ist schrecklich. Aber die gute Nachricht ist: Dieser Prozess ist umkehrbar. Und es gibt etliche Bauern auf der Welt, die das beweisen – in allen nutzbaren Klimazonen der Welt. Mob-Grazing ist das Stichwort.

Ich will nur kurz die wichtigsten Stichpunkte erläutern.

Der Kernzusammenhang hier ist der der Symbiose von großen Wiederkäuern und der Graslandschaft. Eins geht nicht ohne das andere. Wiederkäuer können nicht ohne Gras überleben. Graslandschaften degenerieren ohne eine Beweidung der Wiederkäuer. In diesem Zusammenspiel wird regelmäßig hohes Gras sehr schnell von einer Herde Rinder abgefressen und dann für längere Zeit wieder in Ruhe wachsen gelassen. Das Gras bildet in dieser Wachstumsphase sehr lange Wurzeln, die dann absterben, wenn die Rinder zurückkommen und die Blattmasse “zurückgeschnitten” haben. Die Rinder machen aber noch etwas anderes: Sie kacken und sie trampeln die nicht gefressene Blattmasse nieder. Beides ergibt eine Edeldüngung des Oberbodens. Das Gras wächst rasch nach, sobald die Kühe weitergezogen sind und der Boden wird mit den Mikroorgenanismen des Rinderdungs beimpft. Ein Kreislauf beständiger Humusakkumulation.

Um es nochmals zu betonen: es ist mittlerweile bewiesen: Graslandschaften veröden, werden zerstört, bauen ihre Humushorizonte ab, wenn sie von Tieren “befreit”. Es braucht die Tiernutzung!

Fleisch fressende Veganer

Es ist völlig unstrittig, dass wir Menschen den Fleischkonsum drastisch reduzieren müssen. Veganismus ist ein Beitrag zum Klimaschutz, es ist ein Beitrag der die Ernährung der Weltbevölkerung auf lange Zeit absichert und einer zur gesteigerten persönlichen Gesundheit.

Aber wie gehen wir mit der Nutzung der riesigen Graslandschaften um? Aus den genannten Gründen ist es nicht vernünftig, sie nicht zu nutzen. Oder sollen wir die Tiere dort den Raubtieren überlassen? Sollen wir sie alters sterben lassen? Uns auf Seuchen verlassen? Das finde ich alles nicht sinnvoll.

Ich bin jemand, der selber schon Tiere geschlachtet hat. So schonend und ruhig, wie man es sich nur vorstellen kann. Mein Fleischkonsum hat sich seit dem drastisch reduziert. Denn ich hatte zu den Tieren ein Verhältnis aufgebaut. Das Schlachten war ein klarer Verrat am Vertrauen, dass die Tiere zu mir hatten. Das geht mir heute noch sehr nah.

Trotzdem glaube ich, dass wir Menschen Tiere schlachten dürfen und aus den oben genannten Gründen auch müssen. Aber dies sollte nur in einem Prozess geschehen, der dem Tier zuvor ein gutes Leben beschert hat und letztlich einen schnellen, möglichst schmerzfreien Tod.

Olaf Schnelle

Olaf Schnelle

Ich bin Gärtner. Für mich hätte es keinen besseren Beruf geben können. So eng mit der Natur zu arbeiten und dabei sinnvoll Produktives zu tun, ist ein richtig schönes Ding. Nahrungsmittel zu schaffen, die diesen Namen im wörtlichen Sinne verdienen, ist ein essentieller Prozeß. Mein Anliegen ist, dies so zu tun, dass kreative Köche damit etwas schaffen, das für mich viel mit Kunst zu tun hat.

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